Fischland-Angst - Leseprobe

Mit ernstem Gesicht öffnete Heinz die Tür. »Ich habe Matthias noch nie so erlebt. Er ist fertig, und es gehört bei ihm eine Menge dazu, das offen zu zeigen.«
»Wann warst du bei ihm?«, fragte Kassandra, während sie ihm ins Wohnzimmer folgten.
»Gar nicht. Er hat mich heute früh aus dem Bett geklingelt. Ihr wisst, dass ich morgens immer vor sechs hoch bin, aber ich wette, Matthias hat überhaupt nicht geschlafen. Kein Wunder. Hört euch das an.«
Er legte zwei digitale Diktiergeräte auf den Tisch und spielte sie nacheinander ab.
Entsetzt wechselten Kassandra und Paul über den Aufnahmen einen Blick. Kassandra konnte kaum glauben, welche Drohungen ihnen diese widerliche Flüsterstimme entgegenhauchte.
»Von wann sind die Nachrichten?«
»Greta ist letzten Mittwoch verschwunden. Matthias kann nicht sagen, wann genau, er war ab Mittag in Hamburg und kam erst gegen sechs zurück.« Heinz deutete auf das erste Gerät. »Das hier wurde ihm ein paar Stunden später in den Briefkasten geworfen. Allerdings hat schon vor drei Wochen jemand auf seinen Anrufbeantworter gesprochen. Die Stimme klang verzerrt, sie erging sich in heftigsten Beschimpfungen. Da das aber der einzige Anruf dieser Art blieb, haben Matthias und Greta beschlossen, ihn zu ignorieren und zu löschen. Leider.« Heinz machte eine kurze Pause, in der er darüber nachzusinnen schien, ob er ihnen daraus einen Vorwurf machen sollte. »Donnerstag war Lösegeldübergabe«, fuhr er fort. »Matthias sollte das Geld nachts um halb zwölf hinten bei der Mühle deponieren. Sicher nicht nur, weil das da so schön einsam ist nur mit dem Friedhof in der Nähe, sondern auch, weil der Entführer wusste, dass Matthias sich da gut auskennt und entsprechend allein weniger Schwierigkeiten haben würde als an irgendeinem anderen Ort.« Wieder hielt er kurz inne. »Aber Greta ist nicht zurückgekommen.«
Kassandra schluckte. »Was Matthias gestern Abend bei der Lesung geleistet hat, war übermenschlich.«
»Er hat einen eisernen Willen – und gehofft, Greta würde auf ihn warten, wenn er nach Hause käme. Stattdessen wartete Diktiergerät Nummer zwei auf ihn.« Heinz schaute aus dem Fenster in seinen Garten, der so friedlich da lag, als gäbe es nichts Böses auf der Welt. »Er will Greta nicht gefährden und ist deshalb absolut dagegen, die Polizei einzuschalten. Ich habe alles versucht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen – nichts zu machen. Er möchte stattdessen, dass wir uns der Sache annehmen.« Heinz zögerte.
»Was?«, fragte Paul.
»Ich weiß, es wäre eure Angelegenheit gewesen. Trotzdem habe ich das einfach mal selbst entschieden.«
»Du hast die Polizei eingeschaltet«, begriff Kassandra. »Inoffiziell. Du hast Kay benachrichtigt.« Schon ein klein wenig erleichtert lehnte sie sich zurück. Sie wusste, wie hartnäckig Kay Dietrich sich hinter einen Fall klemmte – wenn das auch damals, als sie ihm als ermittelndem Beamten zum ersten Mal begegnete, zunächst wenig erfreulich für sie gewesen war, weil er sie als Verdächtige im Visier gehabt hatte. Seit dieser Zeit war sehr viel geschehen.
Heinz nickte. »Ich habe ihm exakt das berichtet, was Matthias mir erzählt hat, inklusive der Namen von ein paar Leuten, bei denen Matthias sich unbeliebt gemacht haben könnte, und was er über Gretas Unternehmungen an jenem Tag weiß, an dem sie entführt wurde.« Heinz holte tief Luft. »Wenn Matthias je erfährt, dass ich, wie inoffiziell auch immer, die Polizei eingeschaltet habe, wird das vermutlich das Ende unserer Freundschaft sein.«
»Er wird es nicht erfahren«, sagte Kassandra. »Daran ist niemandem gelegen.«
»Schon klar. Ich nehme an, an unsere Freundschaft sollte ich ohnehin als Letztes denken. Denn wenn das hier schief geht, steht Gretas Leben auf dem Spiel.«
»Kay wird alles tun, was in seiner Macht steht, damit es dazu nicht kommt«, sagte Paul.
»Das weiß ich.« Heinz starrte auf die Diktiergeräte. »Auch wenn er genau wie ich der Meinung ist, dass hier unbedingt offiziell ermittelt werden sollte. Uns beiden wäre erheblich lieber, wenn Matthias sich weniger stur zeigte – obwohl ein Teil von mir ihn versteht.« Entschlossen hob er den Kopf. »Für euch gibt es gleich was zu tun. Herr Dietrich hält es für unklug, gerade jetzt auf einen Freundschaftsbesuch in Wustrow aufzutauchen. Könnte sein, er begegnet jemandem, der weiß, wer er ist. Er bittet euch deshalb, ihm die Diktiergeräte vorbeizubringen, damit er sie an seinen IT-Experten weitergeben kann, der eventuell noch andere Daten darauf findet als das, was wir Laien abspielen können.«
»Kein Problem, wenn du dich um meine Gäste kümmerst, die nachher ankommen.«
»Sicher«, sagte Heinz, doch gleichzeitig schüttelte Paul den Kopf.
»Du fährst allein nach Stralsund, Kassandra. Ich bin mit Erik verabredet. Das könnte ich zwar absagen, aber angesichts der Umstände sollte am besten alles bleiben, wie es ist. Wustrow ist ein Dorf. Wir wissen nicht, wem Erik von unserer Verabredung erzählt hat, geschweige denn, dass wir den Hauch einer Ahnung hätten, wer hinter Gretas Entführung steckt. Falls sich da was überschneidet, ist es besser, wir riskieren nichts.«

 

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