Die Luft war für eine Septembernacht noch erstaunlich mild. Am Himmel allerdings hatten sich Wolken gebildet, sodass kaum Sterne blinkten und der Mond nur hin und wieder eine Lücke fand. Die
Gästeschar strebte zur Seebrücke, ließ dort die Sandsteinfigur des vierköpfigen Slawengottes Swantewit links liegen und stieg unter der Führung von Violetta Grabe die Treppe zum Strand hinab.
Vorbei an den dunkel da liegenden Strandkörben liefen sie nach vorn, wo kleine Wellen mit leisem Rauschen an den Strand rollten. Mit der romantischen Stille, die bisher hier geherrscht hatte, war
nun Schluss. Alles lachte und redete durcheinander, bis endlich auch Kassandra und Paul eintrafen.
»Alle unverheirateten Mädels auf diese Seite«, dirigierte Violetta Grabe und deutete zum Hohen Ufer. »Kassandra, hier hin, mit dem Rücken zu uns, und wehe du schummelst, nicht nach hinten gucken,
ja?« Sie wollte sich zu den wenigen anderen Ledigen stellen, als sie merkte, dass Kassandra erst ratlos guckte und dann auflachte.
»Ich hab den Strauß vergessen!«
»Ach, du grüne Neune, das kann auch nur dir passieren, aber kein Problem, ich flitze schnell und hol ihn, nicht weggehen, bloß nicht weggehen!«
Violetta Grabe setzte sich schnurstracks in Bewegung, ihre dunkle Gestalt verschmolz bald mit den Strandkörben.
»Kann es sein, dass Frau Grabe den Strauß gern selbst fangen möchte?«, fragte Rieka, die aus der Gruppe der Unverheirateten heraus- und wieder zur Dietrich getreten war. »Ich könnte wetten, sie
hat es …«
Mitten in ihren Satz gellte ein hoher, spitzer Schrei.
Der Schrei ging Kassandra durch Mark und Bein, auf einen Schlag verstummte kurzzeitig sämtliches Lachen und Schwatzen der Leute um sie herum.
»Das ist Violetta!«, ging es Kassandra auf. Sie lachte. »Keine Panik, Leute! Ich hab schon die ganze Zeit drauf gewartet, dass sie mit einem lustigen Mörderspiel um die Ecke kommt.«
Mit Paul und dem Rest der Gäste im Schlepptau ging sie in die Richtung, in der Violetta eben verschwunden war, bemerkte dabei aber Pauls Zögern.
»Ja, ich weiß, ist nicht sehr originell, aber lassen wir ihr den Spaß«, sagte sie.
»Sie konnte nicht wissen, dass du den Brautstrauß vergisst.«
»Dann hätte sie einen anderen Grund gefunden zurückzulaufen, du kennst sie doch, sie hat eine Menge Phantasie! Außerdem war das Ganze immerhin ihre Idee.«
Zwischen den Strandkörbern kam Violetta in Sicht, und Kassandra musste zugeben, dass ihre Freundin nicht nur über Phantasie, sondern auch über viel Schauspieltalent verfügte. Gerade hatten sich
die Wolken am Himmel verschoben, der Mond strahlte silbern auf den Strand hinab und auf Violettas entsetztes Gesicht. Sie starrte sehr überzeugend in einen Strandkorb, als säße dort das pure
Grauen.
Kassandra wandte den Blick von Violetta zum Strandkorb. Es dauerte eine Sekunde, bis sie begriff, was sie sah. Zurückgelehnt in der linken Ecke saß eine Frau mit geschlossenen Augen. Sie wirkte
wie eine überdimensionale Stoffpuppe, ihr Brustkorb hob und senkte sich nicht. An ihren auf den Oberschenkeln platzierten Unterarmen war etwas Dunkles hinabgelaufen, das sich in ihren Handflächen
gesammelt hatte und von dort auf ihre Schuhe und in den Sand geflossen war. Zu ihren Füßen war der Sand fast schwarz im Nachtlicht, getränkt mit Blut, und mittendrin ragte etwas Metallenes
heraus. Eine Rasierklinge.
»Oh, mein Gott«, wisperte Kassandra. Sie spürte Pauls Hand, die sie fortziehen wollte, machte einen Schritt rückwärts, blieb dann jedoch stehen, als sie sah, dass Kay herantrat und am Hals nach
dem Puls der Frau suchte. Nach einer kleinen Weile schüttelte stumm er den Kopf. Kassandra schluckte, obwohl sie nichts anderes erwartet hatte.
Kay wandte sich um. »Nichts anfassen, wir sollten keine Spuren verwischen.«
»Warum?«, fragte Kassandra heiser. »Sie hat sich umgebracht, das sieht man doch.«
»Wahrscheinlich. Trotzdem muss das erst untersucht werden.«
Langsam wich sie zurück und schaute sich dennoch wie unter Zwang die Tote noch einmal gründlich an. Der Schock fuhr ihr in die Glieder.
»Das ist sie!«, sagte sie lauter als beabsichtigt. »Das ist die Frau vom Hafen!«
Sie zwang sich, ihren Blick von der Unbekannten zu nehmen, und beobachtete, wie Kay die Augen zusammenkniff und Paul eher neugierig als überrascht genauer hinsah. Gleichzeitig nahm sie wahr, dass
hinter ihr die Geräuschkulisse wieder lauter wurde.
»Stimmt«, sagte Kay, »sie ist anders gekleidet, aber ja, das könnte sie sein.« Er wandte sich an Paul. »Da Kassandra meinte, sie hätte es speziell auf dich abgesehen: Kennst du sie?«
»Könnte jemand …« Paul musste sich räuspern, und Kassandra wurde mit einem Mal eiskalt. »Ich habe mein Telefon nicht dabei, könnte jemand leuchten, damit ich sie besser sehen kann?«
»Ich mach das«, sagte Heinz. Als Polizeihauptmeister a. D. hatte er keinerlei Berührungsängste.
Kassandra drehte sich um, die Hochzeitsgesellschaft verschmolz zu einer undefinierbaren Masse, nur Heinz stach jetzt klar hervor, während er die Taschenlampenfunktion einschaltete und den grellen
Spot auf das Gesicht der Frau richtete.
Es wirkte gespenstisch, noch blasser als tagsüber. Blutleer. Natürlich blutleer. Jeder Tropfen Blut schien sich unterhalb des Strandkorbes angesammelt zu haben.
Kassandra wandte sich wieder Paul zu, der nach wie vor das Gesicht studierte. Auch seines kam ihr plötzlich bleich vor. Er richtete sich auf, holte tief Luft und sagte:
»Das ist Katja. Katja Meine.«
In die sich ausbreitende Stille hinein, in der Kassandra das Wellenrauschen doppelt so laut vorkam, fragte Kay: »Bist du sicher?«
»So gut wie. Unser letztes Zusammentreffen liegt ewig zurück.«
In ihrem Kopf hörte Kassandra Heinz’ Stimme: Vielleicht war’s ja eine von deinen Verflossenen. Das hatte bloß ein Scherz sein sollen.
»Gut«, sagte Kay. »Es wird Zeit, dass ich die Kollegen rufe.« Er wandte sich um und bat die Hochzeitsgesellschaft, weiterhin zurückzubleiben, den Strand aber vorerst nicht zu verlassen. Dann ging
er ein paar Meter zur Seite und zückte sein Handy.
In Kassandras Kopf tobten unzählige Fragen, von denen sie doch keine zu stellen wagte. Vor allem, weil Paul immer noch, wenn auch jetzt aus weiterer Entfernung, wie betäubt die Tote ansah. Katja.
Seltsam, wie schnell die Unbekannte dank eines Namens plötzlich an Persönlichkeit gewann, obwohl Kassandra nichts über sie wusste.
»Alles in Ordnung mit euch?«, fragte Harald leise neben ihnen.
»Geht so«, murmelte Kassandra. »Den Abschluss der Feier hatte ich mir anders vorgestellt.«
»Kann ich mir denken.« Harald wandte sich an Paul. »Was ist mir dir? Muss schlimm für dich sein, wenn du sie kanntest.«
Ein kleines Lächeln stahl sich in Pauls Züge, als er die unausgesprochene Frage beantwortete. »Heinz hatte recht: Katja ist eine ehemalige Freundin, aber das ist, wenn ich richtig gerechnet habe,
achtzehn Jahre her. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, wann ich das letzte Mal an sie gedacht habe.«
»Wie habt ihr euch kennengelernt?«, erkundigte sich Harald.
Kassandra war froh, dass Harald die Fragen für sie stellte.
»Sie hat in Wustrow Urlaub gemacht und fand Fischländer Künstler spannend. Die Kurverwaltung hat sie an die Kunstscheune verwiesen und Gerlinde wiederum an mich, für den Fall, dass sie sich
weitergehend fürs Fischland interessierte.«
Bevor Harald nachhaken konnte, trat Kay wieder zu ihnen. »Tobias Harms lässt grüßen.«
»Danke. Er hat übrigens eine Glückwunschkarte geschickt«, sagte Kassandra. Dabei kam ihr die Hochzeit mit einem Mal ganz unwirklich vor.
Kay nickte. »Tja, er meinte, er hätte nicht gedacht, dass er euch nun doch so schnell persönlich gratulieren kann.«
»Das heißt, er kommt mit einem Team rüber?«, fragte Kassandra.
»Auch wenn auf den ersten Blick alles auf Suizid hindeutet, muss der Todesfall untersucht werden«, bestätigte Kay.
»Was ist mit unseren Gästen?«, fragte Paul. »Müsst ihr die befragen? Diese Nacht noch?«
»Das wird erst mal nicht nötig sein. Wir brauchen aber eine komplette Aufstellung mit Adressen und Telefonnummern für den Fall, dass doch nicht alles so eindeutig ist, wie es scheint. Es könnte
ja sein, dass noch jemand Katja Meine kennt oder sie heute oder in den letzten Tagen gesehen hat. Ich nehme an, ihr könnt die Kontaktdaten problemlos zur Verfügung stellen?«
»Klar. Ich schicke dir die Liste.« Kassandra wollte in ihrer Tasche nach dem Handy greifen, als ihr bewusst wurde, dass sie wie Paul ihre Sachen im Festsaal zurückgelassen hatte, zusammen mit dem
Brautstrauß.
»Das muss nicht sofort sein.« Beruhigend legte Kay eine Hand auf ihren zitternden Arm. Sie merkte, wie sehr sie fror, als er fortfuhr: »Ich sage allen Bescheid, dass sie in ihre Unterkünfte oder
nach Hause gehen können.«
In diesem Moment hörten sie ein Martinshorn und sahen gleichzeitig vorn am Seebrückenaufgang Blaulicht flackern.
»Die Streife ist da«, sagte Kay eher zu sich selbst und wandte sich dann wieder an Kassandra und Paul. »Wenn es nicht zu spät wird, komme ich mit Tobias noch bei euch vorbei. Alles, was wir über
Katja Meine erfahren, kann helfen. Sollte es sich hier zu lange hinziehen, schicke ich nur eine kurze Nachricht und überfalle euch morgen.«
Er nickte ihnen zu, trat dann zu den übrigen Gästen, um sie zu informieren, und empfing schließlich die Streifenpolizisten, die mit einem – nicht mehr benötigten – Rettungssanitäter herankamen.